Auf der Suche nach Prag – ein Reisebericht

Ich blickte hinauf zur Statue und sah, wie sich Kafkas glitzernder Kopf Schicht für Schicht verwandelte, sich verschob, von etwas Erkennbarem zu etwas Abstraktem. David Černýs verspieltes Denkmal des größten Schriftstellers der Stadt stellt das Absurde seiner Prosa perfekt dar, eine Prosa, in der sich das Individuum geheimen Mächten ausgesetzt sieht. Bis hierhin war ich war noch von Prags Schönheit überrascht. Wie konnte sie im jungen Kafka eine solche existenzielle Angst erwecken? Wie konnte sie der Schauort für Mythen, Legenden oder Revolutionen sein? Die Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt gaben keinen Aufschluss.

David Černýs Statue Hlava Franze Kafky

Zeit für einen genaueren Blick. Gleich in der Nähe von Kafkas Konterfei liegt eines seiner Lieblingscafés – das Louvre. Die Prager Kaffeehauskultur um die Jahrhundertwende konnte sich leicht mit der Wiener messen, immerhin war dies die Heimat der Intelligenzija, die an Wiener Melanges nippte und über den Verrat der Moderne murmelte. Mein tschechisches Frühstück hier (inklusive Kuchen) war fast geschenkt, ein Leitmotiv, das meine ganze Reise durchzog. Unten vor dem Café fuhren die Straßenbahnen, faszinierende Gefährte im Vintage-Look, dahinter die großartigen Jugendstilgebäude auf der Národní.

Dieselbe Straße war einer der Schauplätze der Samtenen Revolution, als die Bürger sich ihre Stadt aus dem Würgegriff des kommunistischen Regimes zurück eroberten und einen Theaterdichter zum Präsidenten wählten. Die Transparente der Demonstranten forderten damals „Havel na Hrad“, Havel ins Schloss – und so verließ ich dann auch das Café und machte mich auf den Weg über die Moldau.

Karlsbrücke

Auf dem Weg dorthin überquerte ich die Karlsbrücke aus dem 14. Jahrhundert. Ein passender Übergang zur Prager Kleinseite, gesäumt von Barockstatuen, die wie Richter auf das Auf und Ab der Menschenmengen herabschauen. Ihre steinernen Blicke kontrastieren die freudigen Selfies der Touristen, vor allem das Antlitz des Johannes Nepomuk, der von dieser Brücke geworfen und nun in Bronze verewigt wurde, spricht Bände.

Ein imposanter gotischer Turm steht am Eingang zur Malá Strana, gefolgt von einem anmutigen Komplex von Barock- und Rokoko-Gebäuden, die sich um eine gepflasterte Straße schlängelten, die zum Schloss führt. Prag ist als europäische Stadt bemerkenswert intakt. Sie überlebte die Kriege, wurde nicht wie andere Städte im frühen 20. Jahrhundert generalüberholt und hat sich auf wundersame Weise gegen die chaotischen Betonbauten der Sowjetzeit behaupten können. Zur Malá Strana überzugehen ist wie eine Zeitreise zu unternehmen.

Goldenes Gässchen

Nach dem grandiosen Schlosskomplex ging ich weiter zum Goldenen Gässchen, wo Kafka mit seiner Schwester lebte und an Werken aus dem Band Ein Landarzt arbeitete. Hier entkam er dem Lärm der Innenstadt und fand zugleich die Ruhe und nötige Abgeschiedenheit für seine Arbeit. Kleine schmucke Häuschen reihen sich hier aneinander, Kafkas Haus ist heute eine Buchhandlung, wo sich Bände von Die Verwandlung oder Das Schloss übereinander türmen. 

Weiter. Beim Verlassen des Goldenen Gässchens eröffnete sich eine wunderbare Aussicht vom Hügel, es wird klar, wieso Prag den Beinamen ‚Stadt der hundert Türme‘ trägt. Das gotische Motiv setzte sich auf dem Wenzelsplatz fort, eine astronomische Uhr aus dem Mittelalter markierte meine Ankunft. Zu jeder vollen Stunde macht die Uhr irgendein Kunststück; ich ahnte jedoch, dass das Warten sich nicht lohnen würde (die ganzen anderen armen Besucher waren 20 Minuten zu früh). Kafkaesque? Nicht ganz.

Herzhaftes Lunch

Das Mittagessen dagegen lohnte sich voll und ganz: so herzhaft kann man jeden Tag angehen (tatsächlich träume ich immer noch vom tschechischen Essen)! Die Restaurantkette ‘Lokal’ wartet mit tschechischen Favoriten, wie böhmischen Knödeln und Schweinebraten auf – und dazu einige der besten Saucen, die ihr je probiert habt. Die großzügigen Portionen kommen Seite an Seite mit einer weiteren tschechischen Spezialität – Pilsner, günstiger als Wasser. Nach dem Essen wurde ich langsam schläfrig und wusste, es muss weitergehen: zum jüdischen Viertel.

Ein Viertel voller Geschichten: Golem auf einem Dachboden, ein Rabbi-Grab voller Kieselsteine, dunkle Echos von Pogromen und Ghettos. Der Rundgang durch die alte Synagoge war ergreifend; Namen der ehemaligen Bewohner füllten Wände und Decken zweier Räume völlig aus. Die Namen waren schlimm genug, noch berührender ist die Sammlung von Kindheits-Zeichnungen aus dem Ghetto von Theresienstadt. Unschuldige, hoffnungsvolle Bilder, die im Lauf der Zeit nach und nach vom Gewicht des Ghetto-Lebens erdrückt wurden.

Eine der Kinderzeichnungen aus Theresienstadt

Ich trat raus, um Luft zu schnappen. Der weitere Weg schlängelte sich durch den Friedhof. Europas ältester jüdischer Friedhof ist ein Meer von Grabsteinen (viele hastig errichtet, nachdem andere Standorte geschlossen wurden), die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Hier wurde Rabbi Judah Löw ben Bezalel beigesetzt, der Schöpfer des Golems. Als ich an der Altneu-Synagoge vorbeiging, erblickte ich den Dachboden, auf dem der Golem liegen soll. Eiserne Stufen ragen seitlich aus der Synagoge, begannen auf halber Höhe und führten zu einer bedrohlich aussehenden Tür weiter oben. Der Anblick ist seltsam, aber bestens geeignet, um den Mythos vom Golem fortzusetzen. 

Die altneue Synagoge

Trotz all seiner Grandeur ist Prag nunmal voller seltsamer Ecken. Eine kubistische Laterne, Sigmund Freud, der sich mit einem Arm an einer Stange festhält, das Tanzende Haus, der mumifizierte Unterarm eines Diebes in einer Kirche, Statuen von zwei urinierenden Männern: man könnte noch lange so weitermachen All die zivilisierte Schönheit, all der Charme Prags ruhen scheinbar auf einem wackligen Fundament aus verdrängten Energien, Aufruhr und Exzentrik. Vielleicht liegt es auch am günstigen Bier. Wie es auch sei, Tschechiens Hauptstadt hat einen besonderen Charakter, den ich kennenlernen durfte: authentisch, unverfälscht und einfach einladend.